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RODENER TAGE 2016: ZWEITER TAG
Exkurs: DIE AUFHEBUNG DES BÜRGERLICHEN RECHTS
AUTOR: Josef Theobald
Im Jahre 1975 erschien in der Beijing Rundschau eine Artikelserie zum
Studium der Diktatur des Proletariats, die in ihrem zweiten Teil auch
das sozialistische Prinzip „Jedem nach seiner Leistung“ behandelte.
Hier sprach man sich dafür aus, das genannte Prinzip durch das „Jedem
nach seinen Bedürfnissen“ zu ersetzen.
Das Hauptargument der damaligen Viererbande, das die Verteilung nach
der Leistung zum kapitalistischen Faktor erklärte, war, dass Marx in der
„Kritik des Gothaer Programms“ in Bezug auf die Verteilung nach der
Leistung vom „bürgerlichen Recht“ sprach (ebenso wie Lenin später in
„Staat und Revolution“). Dem zur Folge müsste das „bürgerliche Recht“
daher ein „kapitalistischer Faktor“ sein, „absterbender Kapitalismus“ und
eine „wichtige ökonomische Grundlage, auf der neue bürgerliche Elemente
entstehen“ würden. In Wirklichkeit ist aber das in der ersten Phase der kom-
munistischen Gesellschaft noch vorhandene „bürgerliche Recht“, von dem
Marx in der „Kritik des Gothaer Programms“ spricht, ein abstrakter Begriff,
der etwa mit dem Recht des Austauschs gleicher Quanten Arbeit gleich-
gesetzt werden kann. Das bedeutet keineswegs, dass dieses Recht an
sich objektiv dem Wesen der Bourgeoisie als ausbeuterische Klasse
entspricht. (Beijing Rundschau, Nr. 31 vom 8. August 1978, Seite 9)
Bekanntlich blieb ein Hauptwerk von W. I. Lenin mit dem Titel „Staat und
Revolution“ unvollendet. Es fehlte das siebte Kapitel „Die Erfahrung der
russischen Revolutionen von 1905 und 1917“. In dem Rechenschafts-
bericht auf dem XVIII. Parteitag über die Arbeit der KPdSU versuchte
J. W. Stalin eine Vollendung dieses Werkes. So sagte er, dass nach
dem Sieg des sozialistischen Wirtschaftssystems die Funktion der
militärischen Unterdrückung innerhalb des Landes in Wegfall kam,
also abstarb, denn die Ausbeutung ist vernichtet, Ausbeuter gibt es
keine mehr und daher auch niemanden, der zu unterdrücken wäre.
An Stelle der Funktion der Unterdrückung erhielt der Staat die Funk-
tion, das sozialistische Eigentum vor Dieben und Plünderern des Volks-
guts zu schützen. („Fragen des Leninismus“, Dietz Verlag, Berlin-Ost
1951, Seiten 727/28)
Diesen Hinweis gibt es leider nur in älteren Ausgaben von „Marx –
Engels – Marxismus“, wie die sowjetische Ausgabe von 1947, die
auf der Seite 310 darauf verweist. In neueren Ausgaben ist leider
dieser Hinweis weggefallen. Das ist die Folge der Entstalinisierung,
die in der Sowjetunion nach dem Jahr 1956 im Anschluss nach dem
XX. Parteitag der KPdSU im Februar einsetzte.
Ergänzend muss hier aber ausgeführt werden, dass es in den Siebziger
Jahren aus Albanien herrührend eine starke Strömung gab, die noch in
der täglichen betrieblichen Praxis bestehenden Lohnunterschiede ganz
abzuschaffen. Man sah hier das Ideal der gleichen Bezahlung trotz der
unterschiedlichen Tätigkeiten und Funktionen. Doch konnte sich dieser
Ansatz bislang in der heutigen Betriebspraxis kaum durchsetzen.
FRAULAUTERNER BRÜCKENFEST 2016
ERÖFFNUNG DER RODENER TAGE 2016
DER FASSBINDER
AUTORIN: Angelika Merkelbach-Pinck
Der Fassbinder hatte die Hauptarbeit dort, wo die Rebe wächst, im Moseltal.
Über ihn berichtet Herr Michel Grégoire, Sierck: „Der Fassbinder spielte eine
gewisse Rolle in unsern Dörfern an der Mosel. Ihm war die Fürsorge um den
Keller anvertraut, er baute die Fässer und Bütten, inspizierte sie vor der Wein-
ernte, und ich sehe ihn noch auf dem Morbachplatz, auf dem er die großen
Weinfässer zusammenstellte, in deren Innern er ein Feuer aus Gerberlohe
anlegte, um das Holz schmiegsamer und nachgiebiger zu machen, damit er
die Reifen leichter anlegen konnte. Er flickte die Holzeimer und –zuber, legte
ihnen die Bänder aus Weidenruten um. Was besonderes Geschick von ihm
verlangte, war das Weinabziehen.“
Im übrigen Lothringen beschränkte sich die Arbeit des Küfers auf das Her-
stellen der Zuber und Eimer, der Melkkübel, der Buchbitt, die in ihrem Um-
fang mindestens vier Frauen Platz geben musste, denn die große Jahres-
wäsche ging unter treuer Hilfe der Nachbarinnen vonstatten. Er fertigte das
Sauerkraut- und Bohnenfass an, soweit das Kraut nicht in Bütten eingelegt
wurde, die der Bewohner im Vogesengebiet aus gesundem Sandstein schnitt.
ANMERKUNG
Die Buchbitt, auch Buch- oder Bauchbütte genannt, war ein großes Wasch-
fass bzw. ein großer Waschzuber.
BUCHVORSTELLUNG IM LANDRATSAMT
DER BEGINN DER KULTURREVOLUTION
AUS DER REIHE: HISTORISCHER RÜCKBLICK
AUTOR: Josef Theobald
Mit dem Rundschreiben des Zentralkomitees der KP Chinas vom 16. Mai
1966 begann in China offiziell die Kulturrevolution. Die Vorboten kündigten
sich im November 1965 an, als in der chinesischen Zeitschrift „Wenhui Bao“
eine Kritik an dem Stück „Hai Rui wird seines Amtes enthoben“ von Yao Wen-
yuan veröffentlicht wurde. Es handelte sich bei diesem Stück um eine von Wu
Han, dem früheren Vizebürgermeister der Stadt Beijing, neugeschriebene Pe-
king-Oper, die ein historisches Thema behandelte. Der Held dieser Oper war
für seine Unbestechlichkeit bekannt und auch dafür bekannt, dass er seine
Meinung offen vor dem Kaiser äußerte. Dieser Artikel wurde von Jiang Qing
und Zhang Chunqiao gemeinsam verfasst und markiert bei Historikern den
Beginn der Großen Proletarischen Kulturrevolution.
maligen Sowjetunion und China. Diese begannen im Februar 1956 anläss-
lich des XX. Parteitages der KPdSU in Moskau. In seiner Geheimrede vor
einem geschlossenen Publikum hatte Nikita Chruschtschow Stalin scharf
angegriffen und seine Verbrechen offenbart. In den Bruderparteien galt
Stalin aber oft als jemand, der mit harter Hand ein großes Imperium schuf.
Dies brachte ihm entsprechenden Respekt ein. Gerade die jungen Parteien
in der früheren kommunistischen Internationale orientierten sich an der von
Stalin propagierten Weltrevolution und hatten auch kein Interesse an der
Neuordnung der Wirtschaftspolitik. Chruschtschow dagegen setzte auf
mehr Liberalisierung und auf die Erweiterung des privaten Konsums.
Zwar wurde in China Stalin wegen seiner Fehler in den Jahren der letzten
Periode des Zweiten Revolutionären Bürgerkrieges und ebenfalls in der
Anfangsperiode des Widerstandskrieges gegen die japanische Aggression
kritisiert. Auch sah man sich zwischen 1949 und 1950 einem starken Druck
ausgesetzt, da man glaubte, die Sieger des letzten revolutionären Bürger-
krieges seien mit den Partisanen Titos vergleichbar. Dennoch stufte man
Stalin als einen großen Marxisten ein. [1]
Deshalb hielt China an der bisherigen Außenpolitik fest. Man müsse am
Prinzip der proletarisch-internationalistischen Einheit festhalten. Außer-
dem trete man dafür ein, dass sich die sozialistischen Länder und die
kommunistische Weltbewegung auf der Grundlage des Marxismus-
Leninismus fest zusammenschließen müssten.
Es fand sich allerdings Anfang der Sechziger Jahre nur ein Partner, der
den gleichen Weg einschlug. Dies war die Partei der Arbeit Albaniens
(PdAA) unter Enver Hoxha, die sich schon früher von der Sowjetunion
lossagte. Allerdings war man in China jedoch einige Zeit zögerlich, sich
von der Sowjetunion endgültig zu distanzieren. Denn es fehlte ihr beim
sozialistischen Aufbau noch an Erfahrung. Deshalb war man immer noch
bereit, von der Sowjetunion zu lernen und ihre Erfahrungen zu studieren.
[2]
Der Kampf gegen N. Chruschtschow war nicht nur ein außenpolitischer
Kampf. Auch in China nannte man Liu Shaoqi, den schon im April 1959
gewählten Vorsitzenden des Staates, den chinesischen Chruschtschow.
Ihm warf man vor, in China die gleiche revisionistische Politik wie in der
Sowjetunion zu betreiben.
Zwischen 1963 und 1966 wurde in China eine Erziehungsbewegung
durchgeführt, die stark vom chinesischen Militär beeinflusst war. Aus
diesem Grunde war nicht verwunderlich, dass Lin Biao, damals Chinas
Verteidigungsminister, im April 1969 im Verlaufe des IX. Parteitages der
KP Chinas zum offiziellen Nachfolger Maos bestimmt wurde. In der frü-
heren Sowjetunion machte fortan der Begriff „Kasernensozialismus“ die
Runde.
Mit der Flucht Lin Biaos mit einem Flugzeug ins Ausland und dem Ab-
sturz in Undurkhan (Mongolei) im September 1971 verschärfte sich die
Situation in der Partei. Eine sich herausbildende Viererbande schickte
sich an, das Erbe Maos anzutreten. Doch mit der Verhaftung dieser
Gruppe mit Hilfe der alten Parteikader Anfang Oktober 1976 wurde
die Kulturrevolution endgültig beendet.
Oft waren die Zustände während der Kulturrevolution chaotisch. Nicht
wenige Todesopfer waren in diesen Jahren zu verzeichnen. Vieles ist
auf den Kopf gestellt worden, so dass sich gerade ausländische Leser
der damaligen Publikationen mit Kopfschütteln äußerten. Dennoch war
die Zeit fruchtreich. In China lernte man mit Kritik umzugehen. So lernte
man Richtiges vom Falschen zu unterscheiden. Die propagierte Dialektik
beruhte auf dem in der chinesischen Philosophie basierenden Dualismus.
Daher war man gegenüber dem dialektischen Denken in der Sowjetunion
weit überlegen.
sprachige Literatur, Beijing (China) 1977, Seite 32.
[2] Mao Zedong, Rede auf der vom Zentralkomitee der KP Chinas ein-
berufenen erweiterten Arbeitskonferenz, Beijing Rundschau, Nr. 27
vom 11. Juli 1978, die Seiten 14, 18 + 19.
TOUR DE SAARLOUIS 2016
DER TIERSCHUTZ AUS JÜDISCHER SICHT
AUTOR: Josef Theobald
Nach der Bibel (1. Mose 9,3) wurde den Menschen der Genuss des
Fleisches von Tieren erst nach der Sintflut gestattet. Die späteren jü-
dischen Lehrer begründen dies damit, dass das Menschengeschlecht
schwächer und kurzlebiger geworden sei und eines vorher unbekannten
Stärkungsmittels, nämlich des Fleischgenusses, bedurfte. Wenn es dem
Menschen erlaubt ist, das Tier zu töten, so muss damit ein sittlicher Zweck
vorhanden sein. Weil das menschliche Leben dem tierischen gegenüber
das höhere ist, hat der Mensch, um sich zu nähren oder vor Schaden zu
bewahren, ein Recht, ein Tier zu töten. Denn wenn auch die Thora die
Schlachtung des Tieres zum Zwecke der menschlichen Nahrung gestattet,
so verbietet sie doch aufs strengste jede unnütze Tierquälerei und macht
es den Menschen zur Pflicht, dem leidenden Tier Hilfe zu gewähren.
Demgemäß bestimmt der Talmud, dass aus Rücksicht auf das Tier, dem
Schmerzen erspart werden sollen, manche Gebote, z. B. die rabbinischen
Sabbatgebote, zurücktreten müssen. So soll man, trotz der damit verbun-
denen Verletzungen von Sabbatvorschriften, dem in die Grube gefallenen
Tiere Hilfe leisten.
Ein höherer Grad des Tierschutzes ist die Tierfürsorge. Schon eine biblische
Bestimmung verbietet, dem Ochsen, der da drischt, das Maul zu verbinden
(5. Mose 25,4), und im Talmud wird sogar gelehrt, dass man sich nicht zu
Tische setzen solle, ehe man dem Tiere sein Futter gegeben.
Das Leben des Tieres ist somit dem Menschen in die Hand gegeben, sein
Recht ist aber kein unbedingtes; er darf beim Töten des Tieres nicht un-
menschlich verfahren. Mit einem Worte mag hier auf die vom Judentum
geforderte Art der Tierschlachtung hingewiesen werden, die auf eine
Weise erfolgen muss, dass bei dem Tiere sofort Bewusst- und damit
Empfindungslosigkeit eintritt. [1]
Der Hintergrund dieser jüdischen Auslegung liegt in der Heiligkeit des
Blutes (3. Mose 17, 11). Denn man geht von dem Standpunkt aus, dass
das Lebenselement (nefesch, in älteren Übersetzungen mit „Seele“ wie-
dergegeben) im Blut liegt, oder höchst wahrscheinlich das Blut ist.
Deshalb verlangt das orthodoxe Gesetz, dass das Fleisch, bevor es ge-
kocht wird, eine halbe Stunde in Wasser eingeweicht, danach gesalzen,
eine Stunde lang stehen gelassen und dann erneut gewaschen werden
muss, damit den Muskeln alles Blut entzogen wird (Vers 15). [2]
Nachdruck bei KNESEBECK, München 1999, Seiten 417/18.
[2] DIE TORA in jüdischer Auslegung, Band III (Wajikra, Levitikus), 2.
Auflage der Sonderausgabe, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh
DER SCHREINER
AUTORIN: Angelika Merkelbach-Pinck
Der Schreiner war dem Dorfe unentbehrlich. Er hatte seine Werkstatt, in
der er alle Möbel des Hausstandes anfertigte. Der junge Vater bestellte
beizeit die Wiegel, auf deren Läufe Kinder und Kindeskinder ins Leben
hineingeschaukelt wurden. Der Schreiner stellte den Sarg (mundartlich:
„Dodelad“) her und bettete die Toten hinein. So war er Vertrauter der
Familie, eine im Dorf angesehene Persönlichkeit, nicht wenig stolz auf
seine Kunstfertigkeit im Einlegen der Möbel, der richtigen Zusammen-
setzung der Maserung, der künstlerschen Schnitzereien im kühnen
Schwung der Linien, wie wir sie heute noch an altlothringischen Bauern-
möbeln bewundern. Die feinere Bearbeitung des Holzes, die Kunstfertig-
keiten, erlernte er auf seiner Wanderung, wo er als Geselle Schule bei
einem erfahrenen und geübten Meister machte.
Für die gröberen Arbeiten richtete er sich gewöhnlich eine primitive Werk-
statt in der Scheune des Auftraggebers ein. In diesem Falle verarbeitete
er das von dem Bauer erstandene Buchen- oder Eichenholz oder auch
den von diesem selbst gezogenen Nussbaum.
DER KLUMBEMACHER
AUTORIN: Angelika Merkelbach-Pinck
In waldreichen Gegenden lebte der Klumbemacher, der Sabotmacher, der
Holzschuhmacher. Er sorgte mit seiner Arbeit für die Fußbekleidung von
alt und jung, denn früher wurden, namentlich in schneereichen Gegenden,
die Holzschuhe Klimble, Sabettle schon von klein auf getragen. Sie hielten
die Füße trocken und warm. Der Klumbemacher musste guter Holzkenner
sein, das Holz zu behandeln wissen, es gut zu schnitzen und zu schwärzen
verstehen. Von früh bis spät saß er in seiner Werkstatt und schnitt aus dem
rechteckigen Holzstück mit einem entsprechend scharfen Messer den Klum-
pe heraus, mit einem Schniffele vorn und einem Lederriemen an der Öffnung,
der für Kinder und Frauen mit einer kleinen, bunten Samtrolle verziert wurde.
Mitunter brachte er auch einige Muster in Kerbschnitten an dem Oberteil an.
An dem Seitenteil bohrte er ein kleines Loch, durch das die Holzschuhe paar-
weise zusammengebunden waren, wenn er die Klumbe zum Verkauf mit dem
Ruf: „Dr Klumbemacher isch do.“ in die Dörfer brachte und seine Sous dafür
einlöste. Somit waren die Klumbe auch in der Epicerie in reicher Auswahl zu
erstehen. Vor dem letzten Weltkrieg gab es noch Klumbemacher im Bitscher-
land, in Sucht/Soucht und Lengelsheim. Man legte dem Namen das Handwerk
bei: Dr Klumbenickel, dr Klumbelorenz. Im Kreis Saarburg hieß er Sabotmacher.
WORTERKLÄRUNGEN
Klumbemacher = Klumpenmacher (rheinländisch) = Holzschuhmacher.
Klumbe = Klumpen (rheinländisch) = Holzschuhe.
sabot m. (französisch) = Holzschuh, Clog.
1 Sou m. (französisch) = 5 Centime-Stück (bis weit ins 20. Jahrhundert
im Wortgebrauch im Sinne von Geld, Kröten
und Mäuse).
épicerie f. (französisch) = Lebensmittelgeschäft.
Sarrebourg = Saarburg = Ort an der oberen Saar.
DER SCHMIED
AUTORIN: Angelika Merkelbach-Pinck
Ehemals war das Arbeitsgebiet des Schmiedemeisters ausgedehnter als
heute. Alle Hufeisen mussten von ihm hergestellt werden. Er schmiedete
sie aus den verbrauchten Stücken zusammen, und da er sie jeweils dem
Huf des einzelnen Pferdes, der wie der Fuß des Menschen verschieden
ist, anpassen musste, verlangte diese Anfertigung gründliche Sachkennt-
nis. Dazu kamen die Riegel und Haken für Türen und Fenster, wenn auch
in der guten alten Zeit das Haus nicht so ängstlich verwahrt wurde wie heu-
tigen Tages und jeder nach Belieben den Türschlempe zur Stube oder zur
Küche niederdrücken konnte, um einzutreten. Manch schönes Kunstschmie-
destück zeugt von dem Können der alten Meister.
Manche Erzählung berichtet aber auch von den schweren Kontributionen,
die er gerade zu tragen hatte, wenn der Feind im Lande hauste und der
Schmied und seine Gesellen Tag und Nacht an Esse und Amboss stan-
den, um die Forderungen an Hufeisen zu befriedigen; andernfalls hätte
er Kopf und Kragen riskiert.
Ein Besonderes war es um die Nagelschmiede, die Nägel jeder Größe und
Stärke anfertigten, um sie dann in einem Säckchen auf dem Rücken in den
Handel zu tragen, oft bis ins Elsass hinein.
Des alten Schmiedemeisters, namentlich des Nagelschmieds treuester
Geselle war der Hund, der im Rad ging und den Blasebalg zog. Eine
Quälerei für das Tier, eine Erleichterung für den stark beanspruchten
Meister, dessen Hammer vom frühen Morgen bis in die späte Nacht
hinein erklang.
Die Schmiede war die besonders beliebte Meistub der Männer. In ihr
war es am längsten warm und hell. In ihr war Raum und Zeit, die Dorf-
politik zu betreiben, die große Politik zu bereden. Dafür sprang dann
ein jeder dem Meister in der Arbeit gerne bei, soweit er es vermochte.
Selbst für die Dorfkinder hatte die Schmiede ihre besondere Anziehungs-
kraft. Im Winter warf sie ihren hellen Schein in die unbeleuchtete Straße,
lockte an das blinde Fenster, hinter dem die Flammen und Funken auf
der Esse aufsprühten; im Sommer war es der riesengroße Schleifstein
im Hof, an dem die Buben ihre Messer wetzten, bis die blauen Funken
aus dem harten Stein aufspritzten.
Mit der Schmiedekunst war die Arbeit nicht erledigt. Gewöhnlich spielte
der Schmied die Rolle eines Tierarztes im Dorf. Er half, wenn die Kuh
kalbte, das Pferd sich in Koliken wand. Daneben hatte er die größte
Kraft und das beste Instrument, dem Bauern und der Bäuerin von den
Zahnschmerzen abzuhelfen. Der Amboss war des Patienten Operations-
stuhl, auf dem ihn ein bis zwei Mann festhielten, wenn der Schmied ihm
den Zahn herauszog ohne lange Vorbereitungen und Betäubungen, wenn
es gut ging, mit einem Ruck, dass die Kinnlade krachte. Oft wurde der Zahn
auch im Stehen gezogen.
















































