Schlagwortarchiv: Evakuierung

Einschulung 1939: 1. Schuljahr an der Donatusschule Roden

Vor der Evakuierung begann das Schuljahr ganz normal nach den Osterferien im April 1939. Die Mädchen im Saarland feierten ihre Einschulung mit traditionellen Schultüten, trugen Schürzen über den Kleidern und lernten die Sütterlinschrift.
Im Laufe des Jahres wurde der Schulalltag jedoch zunehmend von den Vorbereitungen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 überschattet.
Der Unterricht unterlag bereits stark der nationalsozialistischen Erziehung, und ab dem zehnten Lebensjahr war die Mitgliedschaft in Hitlerjugend oder Jungvolk prägend.
Der Unterricht legte bei Mädchen großen Wert auf Fächer wie Handarbeit, Hauswirtschaft, Rassenkunde und Turnen, um sie auf ihre spätere Rolle als Mutter vorzubereiten. Für ältere Mädchen ab 10 Jahren war die Mitgliedschaft im Jungmädelbund (Unterorganisation des Bundes Deutscher Mädel / BDM) ab März 1939 durch die „Jugenddienstpflicht“ gesetzlich verpflichtend. Die Erstklässlerinnen im Jahr 1939 waren dafür noch zu jung, wurden aber im Unterricht bereits darauf vorbereitet.
Durch die geografische Lage direkt an der französischen Grenze wurde das Saarland zur Frontzone. Unmittelbar mit dem Kriegsbeginn am 1. September 1939 wurde die Bevölkerung der sogenannten „Roten Zone“ evakuiert.
Die meisten Familien kamen per Zug nach Thüringen, Hessen, Franken oder Bayern.
Die Lehrerin des Jahrgangs 1939 an der Donatusschule war Fräulein Prümm. Die Bezeichnung „Fräulein“ war damals die absolut übliche, offizielle Anrede für unverheiratete Lehrerinnen Für viele der Mädchen, die im April 1939 eingeschult wurden, war Fräulein Prümm die prägende Bezugsperson der ersten Klasse. Sie leitete eines der Schuljahre, die durch die Evakuierung im September 1939 jäh zerrissen wurden.
Sie musste im Sommer 1939 den schwierigen Spagat meistern, den Erstklässlerinnen inmitten der politischen Gleichschaltung das Lesen und Schreiben beizubringen – und das genau in der Phase, in der die Sütterlinschrift auf staatliche Anweisung schrittweise zurückgedrängt wurde.
Als Roden im September 1939 geräumt wurde, teilte sie das Schicksal ihrer Schülerinnen. Für die saarländischen Erstklässlerinnen bedeutete dies, dass sie nach wenigen Monaten im Saarland plötzlich in mitteldeutschen Schulen saßen. Zeitzeugenberichte zeigen, dass die saarländischen Kinder wegen ihres Dialekts in den neuen Schulen oft ausgegrenzt und als „Sarfranzosen“ verspottet wurden.
Nach der Rückkehr aus der Evakuierung (ab Sommer 1940) führte Fräulein Prümm den Unterricht für die Mädchen in Roden fort.
Fräulein Prümm blieb der Donatusschule über sehr lange Zeit treu. Viele Rodenerinnen, die in den 1940er, 1950er oder sogar noch frühen 1960er Jahren dort zur Schule gingen, erinnern sich an sie als eine pflichtbewusste, strenge, aber oft auch sehr mütterliche Lehrerin des ersten Schuljahres.
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8. MAI 1945: TAG DER BEDINGUNGSLOSEN KAPITULATION

AUTOR: Josef Theobald

Viele, die an den 8. Mai denken, verbinden diesen Tag mit der
Niederlage Nazideutschlands im II. Weltkrieg und mit der damit
verbundenen Befreiung der KZ-Häftlinge.

Doch war dieser Tag für viele Deutsche ein Tag heraufkommen-
der und zu bewältigender Probleme.

Nur ein Teil der Deutschen konnte von zu Hause aus die Amerika-
ner und Briten mit weißen Fahnen begrüßen.

Nicht wenige Deutsche lebten zum Zeitpunkt der Kapitulation gar
nicht zu Hause. Die Leute aus der Roten Zone wurden evakuiert.
Diese lebten verstreut im Reichsgebiet, wie im Harz, in Teilen Ba-
yerns, z. B. in Mittelfranken, und in Thüringen. Erst nach einer Ge-
nehmigung der amerikanischen Militärverwaltung durften sie wieder
in die Heimat, und zwar mit Pferdewagen auf vorgeschriebenen Rou-
ten. Waren sie endlich zu Hause, lebten sie in den Trümmern ihrer
Häuser, in den verbliebenen Kellern. Auch bauten sie notdürftige
Wohnungen. Doch die Gefahr für Seuchen war groß. Nicht wenige
Leute litten an einer Diphtherie. Dazu kam die Mangelwirtschaft. Es
gab wenig zu essen. Die Tauschwirtschaft blühte.

Da die schulische Bildung in den Evakuierungsorten unzureichend
war, schuf man spezielle Aufbauschulen, wo man z. B. den Real-
schulabschluss nachholen konnte.

Nachdem im Saarland die Amerikaner abrückten, kamen französische
Truppen z. T. aus verschiedenen Nationen (Frankreich, Marokko, Alge-
rien). Die Algerier blieben oft nach ihrer Entlassung hier, arbeiteten zu-
nächst im Bergbau und machten sich schließlich als Gastwirte selbstän-
dig. Die Franzosen empfand man in der Bevölkerung eher als Besatzer
als Befreier. Denn das Saarland galt seit den napoleonischen Kriegen
als Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich. Als Preis für die
Vereinigung der Westzonen zur Bundesrepublik hatte Frankreich die
Anerkennung des Saargebiets als französisches Protektorat durch die
anderen Westalliierten erreicht.

Die Westmächte wollten zunächst eine Umschichtung der öffentlichen
Verwaltung, bei dem die durch den Nationalsozialismus „Belasteten“
entfernt und ausgeschaltet würden. Diese Aktion verlief letztlich im
Sande. Sie erwies sich als ein falsch angelegtes und daher verfehltes
Unternehmen.

In der Sowjetunion hatte man die verstümmelten Kriegsinvaliden im
Kloster Valaam auf einer Insel isoliert. Man wollte die sowjetische Öf-
fentlichkeit nicht mit Kriegsbeschädigten schocken, die keine Beine
und Arme hatten und mit Prothesen unversorgt blieben. Man wollte
das Bild einer erfolgreichen Roten Armee vermitteln, die in ihren ei-
genen Reihen keine sichtbaren Opfer hatte. In Westdeutschland dage-
gen sah man Kriegsbeschädigte in speziell für sie konstruierten Fahr-
zeugen. Auch waren deren Einschränkungen unübersehbar.

Nach dem Krieg forderten viele Kriegsbeschädigte eine Verbesserung
ihrer Kriegsopferversorgung (Berufsschadensausglich, Ausgleichsrente).
Die Reigen sichtbarer Wahlgeschenke machte dies möglich. Die im letz-
ten Krieg ausgebombten Hausbesitzer forderten einen Lastenausgleich
(eine Entschädigung für den erlittenen Sachschaden). Die Leute fühlten
sich deshalb mehr als Opfer, denn als Täter. In den letzten Jahren hatte
sich allerdings die Stimmung verändert. Heute werden viele Opfer zu Tä-
tern erklärt.

In den letzten Jahren wurde von Spitzenpolitikern beim 8. Mai zunehmend
von einer Befreiung vom Nationalsozialismus gesprochen. Dies erinnert
sehr stark an die früheren Losungen im kommunistischen Machtbereich, in
denen die Befreiung der europäischen Völker von der Versklavung durch
die Sowjetunion propagiert wurde (Georgi Dimitroff, Ausgewählte Schrif-
ten, Band 3, Dietz Verlag, Seite 603). Den Westalliierten kommt zwar
großer Dank beim Wirtschaftsaufbau, bei der Organisierung einer unab-
hängigen Presse und beim Aufbau der Gewerkschaften zu. Doch knüpf-
te man vielfach an die Verhältnisse an, die vor dem Hitlerputsch be-
standen hatten. Auch stand im Vordergrund ein Bundesstaat. Es sollte
keine Machtansammlung in einer Hand geben dürfen.

Bei den Recherchen stützte sich der Autor auf die Doppelbroschüre „Die
Gesellschaft in der Bundesrepublik (Analysen)“ aus den Jahren 1970/71.
Was die Lage der Kriegsbeschädigten in der früheren Sowjetunion angeht,
bezog sich der Autor auf das „Lexikon der russischen Literatur des 20.
Jahrhunderts“ von Wolfgang Kasack.