Am Tag des Bergmanns 2018 wurde ein abwechslungsreiches Programm geboten. Hier die Bilder.
Unter dem Motto „Erlebnis trifft Erinnerung“ fand am Sonntag, dem 24. Juni 2018, der nun 6. Tag des Bergmanns statt. Der Veranstalter war der Landesverband der Bergmanns-, Hütten- und Knappenvereine im Saarland. Der Ort war vor der Repräsentanz der RAG in Ensdorf. Das Highlight war, wie in jedem Jahr, die traditionelle Bergparade.
AUTOR: Josef Theobald
In den Siebziger Jahren entstanden in zahlreichen Städten im Westen
Deutschlands und anderen westeuropäischen Ländern Zufluchtsstätten
für Frauen mit ihren Kindern, um sie vor Übergriffen ihrer Ehemänner
oder Partner schützen zu können. Hier gingen in der Regel physische
und psychische Misshandlungen voran.
Historisch gesehen gehen die Frauenhäuser auf mittelalterliche Städte-
planungen zurück. Zunächst ist das horizontale Gewerbe in bestimmte
Gassen verbannt worden. Dann sperrte sie man in „Frauenhäuser“ mit
der Auflage, meist auffällige Kleidung zu tragen. So hatten die in die-
sem Gewerbe arbeitenden Frauen in Augsburg einen grünen Streifen
am Schleier zu tragen. In Bern und in Zürich erkannte man sie an den
roten Käppchen. Anderswo waren gelbe Bänder und kurze Mäntel die
entsprechenden Attribute.
Kirchlicherseits verweigerte man ihnen den Empfang der Sakramente.
Das älteste Frauenhaus finden wir in Köln. 1527 wurde damit begonnen,
ein derartiges Gebäude zu erstellen. Denn zuvor waren ja alle Versuche
gescheitert, das damalige Dirnenwesen ohne eine solche Einrichtung auf
bestimmte Bereiche zu beschränken. Nach dem Kaufmann und Chronisten
Hermann von Weinsberg (1518-1597) war dies ein hölzernes Gebäude auf
Steinfundamenten gewesen. Dahinter gab es einen Hof und einen Friedhof.
Auf dem Schieferdach trug es die Stadtwimpel mit den Kronen.
Schon damals wurden die Getränke zu überteuerten Preisen an den Mann
bzw. die Dirnen gebracht. So knöpfte die Wirtin des Hurenwirtshauses, die
Catharina von Lidburgh, ihren Gästen für einen Quart (ca. 1,22 l) Wein 48
Heller ab. Die übrigen Weinwirte verlangten für die gleiche Menge 32 – 34
Heller, höchstens aber 36 Heller.
Waren die Dirnen nicht ortsansässig, dann zogen sie mit den Landsknecht-
truppen oder ab dem Zeitalter des Absolutismus mit den neuen Armeen. In
vielen Fällen lebten sie mit einem Soldaten in eheähnlichen Verhältnissen.
Zuweilen gab es aber auch den Zuverdienst ihrer Partner, nachdem sie die
Rolle eines Zuhälters zu spielen wussten. Da gab es fließende Übergänge.
Schon 1591 gab es Beispiele für Perversionen. Italienische Kunden zahlten
Kölner Huren dafür, dass sie sich z. B. vor einem Liebesakt mit Besenruten
auspeitschen ließen. Dabei richtete sich die Entlohnung nach der erreichten
Befriedigung.
Zum eindeutig-zweideutigen Zeichen der Prostitution wird das tiefe Dekolleté
und das Hinauslehnen aus dem Fenster.
Im Laufe der Jahrhunderte veränderte die Prostitution ihr Gesicht. Im 17. und
18. Jahrhundert gleicht manches Bordell auf den ersten Blick plötzlich einem
bürgerlichen Salon, wo man erst nach einer Tasse Schokolade und mancher-
lei Konversation zur Sache kommt. [1]
Die Einstellung zur Prostitution in Deutschland änderte sich 1891, als ein
Zuhälter mit Namen Heinze wegen Mordes und Zuhälterei angeklagt wur-
de. Dieser Fall wurde zum Anlass genommen, erstmals Gesetze gegen
die Prostitution zu erlassen. Die „lex Heinze“, die 1891 im Reichstag ein-
gebracht wurde, sah verschärfte Strafen für Kuppelei, Zuhälterei u. ä. vor;
sie wurde aber erst nach langwierigen Verhandlungen im Jahre 1900 an-
genommen.
Im Vereinigten Königreich waren die Verhältnisse anders. Hier gab es keine
Sittenpolizei, keine Kontrolle oder ärztliche Untersuchung. Dennoch war die
Macht der Polizei übergroß. Denn es war weiterhin strafbar, ein Bordell (eng-
lisch: „disorderly house“) zu unterhalten. So konnte jedes Haus, wo ein Mädel
wohnt und dementsprechend regelmäßig Besucher empfängt, als ein solches
Haus behandelt werden. Trotz der argen Erpressungen durch die Polizei gab
es für die leichten Mädchen eine relative Freiheit von degradierenden Polizei-
fesseln. Denn sie konnten sich im Vergleich zu den Verhältnissen in Deutsch-
land einen selbständigen und selbstachtenden Charakter bewahren.
In Manchester gab es ganze Kolonien solcher junger Leute – Bourgeois oder
Kommis (kaufmännische Angestellte) -, die mit derartigen Mädels lebten, und
viele waren legitim mit ihnen verheiratet und vertrugen sich mindestens eben-
so gut wie die Bourgeois und Bourgeoisen.
Einzelne so verheiratete Mädel verzogen in andere Städte, wo sie keine „alten
Bekannten“ zu treffen befürchteten. Dort sind sie Teil der respektablen Bürger-
welt und selbst unter den Squires – den dortigen Landjunkern – waren sie ein-
geführt gewesen, ohne dass jemals jemand den geringsten Anstoß an ihnen
bemerkte. [2]
ANMERKUNGEN [1] Bernd Roeck, Außenseiter, Randgruppen Minderheiten (Fremde im Deutschland der frühen Neuzeit), erschienen in der Kleinen Vanden- hoeck-Reihe, Göttingen 1993, Seiten 123/24, 126 – 128. [2] Marx – Engels, Werke, Band 38, Dietz Verlag, Berlin-Ost 1968, die Seiten 552/53 und 652.
AUTOR: Josef Theobald
Nach dem Besuch des Berufsgrundbildungsjahres (BGBJ) in Völklingen
wechselte ich nach den Sommerferien 1972 zur Handelsschule in Saar-
louis, die es als Schulform heute noch gibt. Damals waren wir noch im
heutigen Technisch-gewerblichen und sozialpflegerischen Berufsbildungs-
zentrum (TGSBBZ) in der Zeughausstraße 25 untergebracht. Einmal in
der Woche genossen wir den Schulbetrieb in einem Vorkriegsgebäude
des TGSBBZ (jetzt: Kreissporthalle). Im ersten Halbjahr 1973 hatten wir
samstags in der heutigen Anne-Frank-Schule Unterricht. Mit dem Schul-
jahr 1973/74 erfolgte der Umzug in das neue Schulgebäude im Glacis 22
hinter der St. Elisabeth Klinik.
Daraufhin besuchte ich die Höhere Handelsschule, damals eine Sonder-
form für Absolventen der Handels- und Wirtschaftsschulen. Wegen ihres
Modellcharakters wurde diese Schule vom Land zusätzlich öffentlich ge-
fördert. Eine vergleichbare Schule gab es außer in den Standorten Saar-
louis, Saarbrücken und Homburg nur im Land Berlin. Diese Schulform ist
im Juni 1976 mit Erfolg abgeschlossen worden.


AUTOR: Josef Theobald
Vor zehn Jahren war das CAP-Integrationsprojekt
für Menschen mit Behinderungen optimistisch ge-
startet. Hier gab es die wohlbegründete Hoffnung,
die Schaffung von Arbeitsplätzen für behinderte
Menschen mit der wohnortnahen Versorgung der
Rodener Bevölkerung erfolgreich wirtschaftlich ver-
knüpfen zu können.
Zuletzt wurde versucht, durch einen Lieferservice
die rückläufige Umsatzentwicklung aufzufangen.
Damit sind in den letzten Jahren allein die Hälfte
des Umsatzes erreicht worden.
Trotz der Unterstützung der Kreisstadt Saarlouis
und des SPD-Stadtverbandes konnte die Situation
nicht wesentlich verbessert werden. Nun zog die
Arbeiterwohlfahrt (AWO) die Reißleine.
Woran lag dies?
Man unterlag hier dem Trugschluss, das Mitleid ge-
genüber der behinderten Bevölkerung garantiere
den Bestand des CAP-Marktes. Man unterschätzte
die Wettbewerbssituation im Stadtgebiet von Saar-
louis. Für einen Lebensmittelmarkt sind wichtig
sowohl die Sortimentsbreite als auch die Sorti-
mentstiefe. Bei der Sortimentstiefe lagen hier
erkennbare Defizite vor.
Der vorhergehende MARKANT-Markt in diesem
Gebäude hatte es sehr gut verstanden, eine groß-
zügige Getränkeabteilung vorzuhalten. Das ist ein
deutliches Beispiel, das einem modernen Markt von
heute das Überleben sichern kann. Dennoch musste
auch dieser Markt vor einigen Jahren schließen.
ANMERKUNG Von einem tiefen Sortiment wird gesprochen, wenn von einer Produktart verschiedene Va- rianten angeboten werden, die sich in Aus- sehen und Material, in der Qualität, Preis- klasse oder Ausführung unterscheiden.
AUTOR: Josef Theobald
In den letzten Jahren kommen immer wieder Forderungen auf, in Deutschland
das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) einzuführen. Zu diesem Thema
gibt es aber Bedenken aus verschiedenen Richtungen.
Aus christlicher Sicht besteht eine Ehre, mit eigenen Händen arbeiten zu dürfen
(1. Thessalonicher 4,11). An anderer Stelle wird der Grundsatz aufgezeigt, dass
wer nicht arbeitet auch nicht essen solle (2. Thessalonicher 3,10). In der „Lehre
der Apostel“ (Didache) wird festgestellt: „Wenn Du etwas durch Deine Hände Ar-
beit erworben hast, dann gib es als Lösegeld für deine Sünden.“ (4,6).
Der Hintergrund lässt sich durch eine Gruppe erklären, in der es eine gemeinsame
Kassenführung gibt. [1]
Im Judentum lehrt die Mischna KIDDUSCHIN: „Stets lerne man seinen Sohn ein
sauberes und leichtes Handwerk, und flehe zu dem, dem der Reichtum und die
Güter gehören, denn es gibt kein Handwerk, mit dem nicht Reichtum und Armut
verbunden wäre. Nicht von dem Gewerbe kommt die Armut, nicht vom Gewerbe
kommt der Reichtum, sondern alles nach seinem Verdienste.“ (XIV,2)
Auch in der Arbeiterklasse wurde der Grundsatz „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht
essen.“ übernommen und erscheint auch in den Klassikern des Marxismus-Leninis-
mus. So schreibt W. I. Lenin in dem Hauptwerk „Staat und Revolution“: ‚„Wer nicht
arbeitet, soll auch nicht essen“, dieses sozialistische Prinzip ist schon verwirklicht;
…‘ [2]
In der katholischen Soziallehre gibt es das Prinzip der „Subsidiarität“. Dieses be-
sagt, dass die gemeinsame Verantwortung für den Einzelnen nicht ausschließt,
sondern sogar fordert, dass zunächst jedem Einzelnen und jeder Gruppe vor-
rangig die Pflicht und das Recht zukommen, ihre eigenen Angelegenheiten in
selbständiger Weise zu regeln. [3] Dieses Prinzip hat auch in evangelischen
Kreisen Eingang gefunden. Im rechtlichen Sinne bedeutet „Subsidiarität“ vor
allem Nachrangigkeit. In den Maastrichter Verträgen ist „Subsidiarität“ expli-
zit als Strukturprinzip der Europäischen Union (EU) formuliert. [4]
Der Philosoph Hegel (1770-1831) definierte den Arbeitsbegriff durch seine
Rede von der „Selbstverwirklichung durch Arbeit“. Karl Marx (1818-1883)
sah in der Arbeit eine Quelle von Werten, weil sie ein Tun für andere ist,
ein zielgerichtetes Umgestalten der Dinge und der eigenen Anlagen. Denn
in der Arbeit würden auch Bewusstsein, Sprache und die gesellschaftlichen
Verhältnisse produziert. Anders gesagt ist die Arbeit der kollektiv gestaltete
Entwicklungsprozess der Menschheit von der Natur zur Kultur. Im Denken
des Liberalismus ist die Arbeit „Selbstverwirklichung“ mit dem Wunsch nach
individueller Autonomie und der Ausweitung der persönlichen Entscheidungs-
macht. So wird Arbeit zum zentralen Lebens- und Gesellschaftswert. [5]
Demnach würde das BGE das gegenwärtige Sozialrecht auf den Kopf stellen.
Denn das Sozialsystem in der Bundesrepublik geht nämlich von einer Umlagen-
finanzierung aus. Spätere Leistungen sind von gegenwärtig gezahlten Beiträgen
abhängig (Generationenvertrag). Eine Alimentation einer trotz Leistungsfähigkeit
untätigen Bevölkerung ist dabei nicht vorgesehen. Gegenwärtig wird in Finnland
das BGE getestet. Erste Ergebnisse scheinen auf den ersten Blick positiv zu sein.
Die Langzeitstudie bleibt aber noch abzuwarten. Der gezahlte Betrag in Höhe von
monatlich 560,– Euro ist aber so gewählt, dass lediglich die Grundbedürfnisse ge-
deckt werden können. So bleibt eine Berufstätigkeit, in welcher Form auch immer,
unerlässlich. In Deutschland sind dagegen höhere Beträge in der Diskussion mit
Zuschlägen für Familien mit Kindern.
ANMERKUNGEN
[1] NEUES HANDBUCH THEOLOGISCHER GRUNDBEGRIFFE,
Herausgeber: Peter Eicher, Band 1, Kösel Verlag, München 2005,
Seiten 57 + 73.
[2] W. I. Lenin, Ausgewählte Werke in einem Band, Verlag Progress,
Moskau 1986, Seite 360.
[3] Lexikon der Pastoral (Lexikon für Theologie und Kirche kompakt),
Band 1 (A-Ki), Verlag Herder, Freiburg (Breisgau) 2002, Seite 841.
[4] Taschenlexikon: Religion und Theologie, Band 3: O-Z, Vanden-
hoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, Seite 1130.
[5] wie [1], jedoch die Seiten 52/53.
Am Samstag, dem 9. Juni 2018, besuchte eine Gruppe des VHVS die Burg Sedan in der Region Champagne-Ardenne im Nordosten Frankreichs. Um 1424 begann Eberhard II. von Marck-Arenberg mit dem Bau der Burg. Zuvor befand sich dort ein Benediktinerkloster. Im Jahre 1530 wurden die Festungsmauern des Herrenhauses durch den Bau eines Ringwalls modernisiert und um die Geschützwälle ergänzt.
Am Samstag, dem 9. Juni 2018, besuchte eine Gruppe aus dem VHVS die Burg Bouillon in Belgien in einer engen Schleife des Flusses Semois. Unter Gottfried III. wurde zwischen 1050 und 1067 erstmals die Anlage zu einer regelrechten Burg ausgebaut. Unter dem Festungsbaumeister Sébastien Le prestre de Vauban wurde die Burg zu einer Festung ausgebaut, damit sie auch moderner Artillerie standhalten konnte.
Am Sonntag, dem 3. Juni 2018, veranstaltete der Verband der heimatkundlich-historischen Vereine in Saarlouis unter seinem Vorsitzenden Michael Hoen einen Mundart-Arbend im Festsaal des Theaters am Ring. Die Moderation hatte Herbert Germann. Neben den Auftritten der Mundartdichter Jean-Louis Kieffer, Karin Peter, Marianne Faust, Luise Luft und Harald Ley gab es ein Theaterstück mit dem Titel „Et Kragensknäppchen“ von der Ligeka aus Lisdorf.
AUTOR: Josef Theobald
VORWORT
Die Studentenproteste in den Jahren 1965/66 bis 1968/69 werden allgemein
der Zeit der Außerparlamentarischen Opposition (APO) zugerechnet. Diese
war eine politische, locker organisierte Bewegung linkischer studentischer,
teils auch gewerkschaftlicher Gruppen, die versuchte, gesellschaftliche Ver-
änderungen durch provokative Protestaktionen durchzusetzen. Im Streit um
eine Hochschulreform, um die bestehende Pressekonzentration und wegen
der Notstandsgesetze verstand sich die APO als antiautoritäre Reformbewe-
gung. Der Hintergrund war damals die Große Koalition aus CDU/CSU und
SPD, bei der eine ernstzunehmende parlamentarische Opposition fehlte.
Demnach suchte die APO ihre Ziele auf alternativem Wege zu erreichen.
BEITRAG
In der Bundesrepublik Deutschland organisiert sich nach dem KPD-Verbot im
August 1956 die kommunistische Bewegung völlig neu. Besonders nach der
stetig einsetzenden Entstalinisierung in der Sowjetunion und den Ereignissen
in der tschechischen Hauptstadt Prag 1968 kam es plötzlich zu einer Spaltung.
Mit der geplanten Gründung der DKP im September 1968 ist es im Vorfeld im
August in Mannheim innerhalb des SDAJ (der Sozialistischen Deutschen Ar-
beiterjugend) zur Bildung einer oppositionellen Gruppe gekommen, die sich
letztendlich abspaltete. So gab es zwei unterschiedliche Gruppe. Die eine um
Ernst Aust in Hamburg und die andere um die REBELL-Gruppe in Mannheim
mit dem Ziel, wieder nach leninistischem Vorbild eine neue antirevisionistische
kommunistische Partei aufzubauen. Zu Anfang allerdings stand man der mehr-
heitlich kleinbürgerlich-antiautoritären Studentenbewegung der Jahre 1966/67
und später sehr skeptisch gegenüber. Doch in der Außenwirkung wurden diese
Studentengruppen durch ihre Aktionen in der Öffentlichkeit bekannter. Ihnen ka-
men die damals in Rotchina propagierten bildungspolitischen Bestrebungen sehr
entgegen. Doch sollte es in den Folgejahren zu vielen Reibungspunkten zwischen
den neu gegründeten KPD-Gruppierungen verschiedener Prägung kommen.
Im August 1964 erschien die dritte Fassung des „kostbaren roten Buches“ in der
Auflage von mehr als einer Milliarde Exemplaren, das seine Zusammenstellung
dem chinesischen Militär unter dem Verteidigungsminister Lin Biao verdankte.
Im April 1969 trat unter strenger Geheimhaltung in der chinesischen Hauptstadt
Beijing (Peking) der IX. Parteitag der KP Chinas zusammen, der die Prinzipien
der Kulturrevolution und die Rolle des Militärs als Schule für das Studium der
Mao-Zedong-Ideen bestätigen sollte. So wird Lin offiziell zum Nachfolger Maos
bestimmt. Mit ihm gelangen schließlich die einstigen Protagonisten aus der Zeit
der Kulturrevolution in die Machtapparate. Damit verbunden war eine massive
Propagierung der Ideale der Kulturrevolution, auch in den deutschsprachigen
Raum hinein.
Die Studenten hatten erst ab 1965 Zugang zu Schriften, die aus China in jenen
Jahren bezogen wurden. So wurden auch die Ideen verbreitet, die zu dieser Zeit
in den chinesischen Massenmedien zu finden waren. Ihnen fehlten aber frühere
Ausgaben der Schriften Maos, wie sie schon Mitte der Fünfziger Jahre in der ehe-
maligen DDR erhältlich waren. So hätte man hier früher Abweichungen entdecken
können und eine kritischere Sicht wäre möglich gewesen. Daher war die große Be-
geisterung für Mao Zedong allein vom damaligen Zeitgeist geprägt gewesen. Mehr-
bändige Ausgaben der Werke Maos in Deutsch gab es in China erst ab 1968. Ver-
einzelte Ausgaben waren schon seit den Fünfziger Jahren erschienen. Doch der
Durchbruch im Sinne einer überzeugenden Übersetzung, die auch größere Leser-
gruppen nach sich zog, war erst zu diesem Zeitpunkt erreicht. Allerdings waren die
späteren Ausgaben das Opfer einer erneut erfolgten Umarbeitung während der Zeit
der Erziehungsbewegung von 1963 gewesen. Es sollte der Eindruck entstehen, die
revolutionäre Sache in China habe ein ständiges Aufwärtsstreben ohne Hindernisse
erlebt. Die negativen Erscheinungen wurden entweder ausgeklammert oder in einer
heroisierenden Weise anders interpretiert.
In Norddeutschland bildete sich der Kommunistische Bund (KB) heraus, der eher
als undogmatisch zu bewerten ist und sich von den maoistischen Gruppen stark
abgrenzte.
Fast unbekannt ist die Tatsache, dass gerade durch die Verurteilung Stalins in
der Sowjetunion desorientierte kommunistische Gruppen die Ideen Maos offen
aufnahmen und folglich Mao in die Reihe der großen Marxisten-Leninisten stel-
len sollten. Den Rest besorgten schließlich die Ereignisse in Prag 1968, die in
der alten Bundesrepublik einen fruchtbaren Boden für die Verbreitung maoisti-
scher Ideen bereiteten. Plötzlich gab es in der Realität auch ein weiteres anti-
sowjetisches Lager innerhalb des westlichen Blockes.
Zur Zeit der Studentenproteste war sehr populär der Satz aus der Schrift Maos
„Über die neue Demokratie“: „Ohne Niederreißen gibt es keinen Aufbau, ohne
Eindämmen kein Fließen, ohne Stillstand keine Bewegung; …“ (Januar 1940)
Deshalb sind die Protestaktionen unter diesem Hintergrund verständlich. In der
Volksrepublik China sorgte dieser Satz für ein großes Chaos in allen Bereichen
des Landes. Aus diesem Grunde wurde nach dem Tode des 82-jährigen Mao
im September 1976 die seit 1966 andauernde Kulturrevolution nun für beendet
erklärt.
Das Resultat der Studentenproteste war die allmähliche rechtliche Verbesserung
der Stellung der Frau. Die Frau war nicht mehr „Haussklavin“ und allein auf das
Schlafzimmer, auf die Kinderstube und Küche beschränkt. Sie erhielt die volle
Freiheit der Ehescheidung, d. h. ihr erwuchsen keine Nachteile, wenn sie die
häusliche Wohnung verließ.
Gerade, was die Verhältnisse in der damaligen Sowjetunion anging, gab es im
Westen Deutschlands viele Illusionen. Denn nach einem Zeugnis sowjetischer
Literaten herrschten zu dieser Zeit in ihrem Land doppelzüngige Reden der In-
telligenz vor. Geprägt war man von innerer Zerrissenheit, die sich in einem zu-
nehmenden Zynismus, in sexuellen Ausschweifungen, in der Sehnsucht nach
dem Westen und im Studium außermarxistischer Philosophien niederschlug.