POLITISCHE SPANNUNGEN BEIM CHINESISCHEN RUNDFUNK

AUTOR: Josef Theobald

Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Deutschen Redaktion von Radio
China International (CRI) kam im Jahre 2010 die Broschüre „Mit Fünfzig auf
dem Weg“ heraus. 1995 erschien im Akademie Verlag der Band „Die DDR
und China (1949-1990)“, der neue Einblicke in die Beziehungen der DDR zur
Volksrepublik China gab. So war die Gründung der Deutschen Redaktion von
Radio Peking ein reines Politikum. Der Arbeitsplan für das Jahr 1959 sah eine
kulturelle Zusammenarbeit zwischen der DDR und China vor. Hier war eine Ko-
operation auf dem Gebiet des Rundfunks vorgesehen. Die DDR entsandte zwei
Redakteure, einen Sprecher und zwei Übersetzer. Ein Mitarbeiter war Gerhard
Lange, der spätere Intendant von Radio DDR. Doch war die Atmosphäre in der
Zeit ihrer Anwesenheit stark vergiftet. Die DDR-Kollegen sahen sich als Steig-
bügelhalter der sowjetischen Interessen in China. Aus diesem Grund war es
von vornherein die Absicht des chinesischen Staatsrates gewesen, auch im
chinesischen Rundfunk völlig auf eigenen Beinen zu stehen. So wurde von
der DDR-Botschaft kritisch beobachtet, dass die Deutsche Redaktion durch
zwei Absolventen aus Leipzig und einige andere Dolmetscher verstärkt wurde
(He Lian, Chen Hanli, Fang Jingqian, Wu Weifang, Zou Fuxing, Dong Lianming).
Auch funktionierten die Spezialisten aus der DDR nicht so, wie sie sollten. Es
gab hier Weigerungen, die Arbeit im Sinne des Auftraggebers zu vollziehen.
Denn es wurden drei sehr wichtige Kommentare gesendet, die vorher von
den deutschen Experten im großen Maße überarbeitet und entstellt wurden.
Hier beschwerten sich die albanischen Genossen umgehend. Ein Anlass war
der 20. Jahrestag der Gründung der Partei der Arbeit Albaniens (PdAA). In sei-
ner Rede ging der Erste Sekretär Enver Hoxha auf die damaligen Beziehungen
zur Sowjetunion ein. Dabei prangerte er die chauvinistische Großmachtpolitik
der Sowjetunion unter Nikita Chruschtschow an. Außerdem warf er der KPdSU
Revisionismus vor. Allerdings betonte er im Nachgang die Gefühle der aufrich-
tigen Freundschaft zu den Brudervölkern der Sowjetunion. [1] Die SED-Ge-
nossen sahen jedoch im Verhalten Albaniens ein Zeichen von Antisowjetis-
mus. Nach der propagierten Ideologie gehörte demnach Albanien dem anti-
sozialistischen Lager an.

Wie kam es zu den Vorbehalten in Albanien?

Die Sowjetunion wollte aus Albanien eine Obstkolonie machen. Rohstoffe,
wie Erdöl, Chrom, Kupfer, Eisennickel und Kohle sollten lediglich aus der
Sowjetunion und anderen Bruderländern importiert werden. Die Seehäfen
Albaniens gewannen plötzlich eine militärstrategische Bedeutung. So wird
schnell klar, dass es in Albanien große Widerstände gegen Chruschtschow
gab. Doch hatte die Sowjetführung relativ wenig Druckmittel.

Die Hauptkräfte des Widerstandes in Albanien im II. Weltkrieg sowohl gegen
den italienischen als auch gegen den deutschen Faschismus lagen bei den
Partisaneneinheiten. Als die Rote Armee in das Gebiet eindrang, stand das
Land mehrheitlich unter der Kontrolle der Partisanenverbände.

Im Balkanland „Bulgarien“ war dies z. B. anders. Hier kam die Freiheit aus
dem Osten. Man musste nun stets der Sowjetunion und der Roten Armee
für die gewonnene Freiheit vom faschistischen Joch dankbar sein.

Gerhard Lange, der für die Überarbeitung der strittigen Beiträge zuständig
war, musste sich schließlich im November 1961 bei der Redaktionsleitung
verantworten. Ihm wurde eine Erklärung vorgelegt, die bestätigt, dass er
die Mitarbeit beim Sender abgelehnt habe. Hierbei ging es im Wesentlichen
um die Redaktionsdisziplin. Trotz der Hinzuziehung des Redakteurs Ho Lien
weigerte sich Lange, die vorgelegte Erklärung zu unterzeichnen.

„Musst du mit fremdem Brot den Hunger stillen,
Musst du auch stumm gehorchen fremdem Willen.“
(Die Schmuckschatulle der Kurtisane, Beijing 1985,
Seite 197)

Was die Frage der friedlichen Koexistenz zwischen den Nationen betraf,
hatte die chinesische Außenpolitik schon früh eigene Vorstellungen.

Anlässlich der afro-asiatischen Konferenz im indonesischen Bandung ent-
wickelten im April 1955 der indische Ministerpräsident Nehru und sein chi-
nesischer Amtskollege Zhou die fünf Grundprinzipien der friedlichen Koexi-
stenz, die die gegenseitige Achtung der territorialen Integrität und Souverä-
nität, den Nichtangriff, die Nichteinmischung in die innerpolitischen Angele-
genheiten des anderen (Landes, „Monroe-Doktrin“), Gleichheit und gegen-
seitiger Nutzen (Vorteil) und friedliche Koexistenz beinhalteten. [2] Schon
im Juni 1949 hatte Mao Zedong in seiner Schrift „Über die demokratische
Diktatur des Volkes“ auf drei Prinzipien bezüglich des Handels und der di-
plomatischen Beziehungen hingewiesen: auf der Grundlage der Gleichbe-
rechtigung, des gegenseitigen Vorteils und der gegenseitigen Achtung der
territorialen Integrität und Souveränität. [3]

Die sowjetische Außenpolitik verfolgte damals in erster Linie einen Ausgleich
zwischen den Supermächten. In dieser Beziehung war es ihr Bestreben, der
atomaren Bedrohung Einhalt zu gebieten. Die chinesische Außenpolitik da-
gegen stellte die Grundbedingungen für bilaterale Beziehungen an die erste
Stelle. Deshalb sind die von der SED gemachten Vorhaltungen lediglich ein-
geschränkt nachvollziehbar.

Ein weiterer strittiger Punkt in den Beziehungen zur SED war die Gründung
der Volkskommunen. Diese sind während der Periode des Großen Sprung
nach vorn in der Volksrepublik China gegründet worden. Der Staatsrat der
DDR unter seinem Vorsitzenden Walter Ulbricht hatte starke Vorbehalte ge-
genüber den Volkskommunen gehabt. Jene sollten sich ebenso in den Span-
nungen beim chinesischen Rundfunk wiederspiegeln.

In den Fünfziger Jahren ging man dazu über, die Landwirtschaftlichen Pro-
duktionsgenossenschaften (LPGs) auf eine höhere Stufe zu bringen. Dies
reichte aber in der Praxis oft nicht aus. So schlossen sich mehrere LPGs
zu Volkskommunen zusammen. Diese bestanden aus einem Drei-Stufen-
System: die Kommune, die Produktionsbrigade und die Produktionsgruppe.
Die Volkskommune betrieb nicht nur Land- und Viehwirtschaft, sondern sie
hatte auch eigene Reparaturwerkstätten für ihre eingesetzten Maschinen.
Neben einer kleinen Landmaschinenproduktion gab es Produktionsstätten
für Phosphatdünger, Spinnereien, Be- und Entwässerungsanlagen, Hoch-
spannungsleitungen mit Transformatoren.

Die Volkskommunen waren nicht nur rein wirtschaftliche Einheiten, sondern
sie verfügten auch über eine eigene Amtsgewalt, die in den früheren Jahren
von Gemeindeverwaltungen ausgeübt wurde. Deshalb bestimmten sie auch
die Kultur- und Bildungsarbeit, die Gesundheitsversorgung, die behördlichen
Angelegenheiten und den öffentlichen Sicherheitsdienst auf dem Lande. Er-
gänzt wurden diese Aufgaben durch ein Volksmilizregiment. [4]

Im Wege der Modernisierung der chinesischen Wirtschaft hatten die Produk-
tionsgruppen die Möglichkeit, sich entsprechend der regionalen Gegebenhei-
ten zu spezialisieren. Dies betraf ebenfalls die Geflügelzucht, den Pilzanbau
und die Tierfuttererzeugung. Allerdings wurde ein Vertragssystem eingeführt,
das den einzelnen Produktionsgruppen mehr Verantwortung abverlangte. Es
zeigte sich aber mit der Zeit, dass die Rolle der Volkskommunen überbewertet
wurde.

Den Hintergrund der Volkskommunen kann man nur im Lichte der damaligen
Weltpolitik verstehen. China strebte nach Autarkie, wie der Slogan „Vertrauen
auf die eigene Kraft“ verrät. Nach dem II. Weltkrieg fand dieser Slogan seinen
Ausdruck in der Entschlossenheit und revolutionären Bereitschaft der osteuro-
päischen wie ostasiatischen Länder, den Sozialismus unter allen Bedingungen
und Umständen durch die Mobilisierung aller menschlichen, materiellen und fi-
nanziellen Quellen aufzubauen.

ANMERKUNGEN
[1] Geschichte der Partei der Arbeit Albaniens, Verlag „Naim Frasheri“,
Tirana 1971, die Seiten 534/35.
[2] Der VIII. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas, Dokumente,
Band I, Verlag für fremdsprachige Literatur, Beijing 1956, Seite 103.
[3] Mao Zedong, Ausgewählte Werke, Band IV, Verlag für fremdsprachige
Literatur, Beijing 1969, Seite 443.
[4] Dschu Li – Tiän Djiä-yün, In einer Volkskommune (Bericht aus Tjiliying),
Verlag für fremdsprachige Literatur, Beijing 1975, die Seiten 12 – 18. 

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